Sonntag , Oktober 25 2020
Die Menschen mitnehmen: Change 2020. Für digitale Entrepreneure gehört die Digitalisierung nicht erst seit gestern zum Tagesgeschäft.

Die Menschen mitnehmen: Change 2020 für digitale Entrepreneure

Für digitale Entrepreneure gehört die Digitalisierung nicht erst seit gestern zum Tagesgeschäft. Vor allem in der Führung müssen sie aber bestimmte Ängste berücksichtigen, um Herausforderungen nicht nur auf technischer Ebene zu lösen, sondern dabei auch die Menschen – ob auf Mitarbeiter- oder Kundenseite – nicht zu verlieren. 

Stellen wir Menschen die Frage, was das Schlimmste wäre, was sie am meisten befürchten, wenn es um die fortschreitende Digitalisierung geht und was dadurch passieren könnte, lautet die Antwort häufig: Die Menschlichkeit zu verlieren. Es ist die Angst, abgelöst zu werden, weil wir als menschliche, unperfekte Wesen vielleicht eines Tages nicht mehr bestehen können gegen die so viel perfektere „Natur“ der Technologie. Dabei brauchen wir doch gerade unsere Menschlichkeit, um technische Lösungen sowohl zu entwickeln als auch umzusetzen. Wir brauchen Experten – und zwar nicht nur einzelne, sondern deren Zusammenwirken.

Unterschiedliche Strukturen und Systemen

1999 hat der walisische Forscher auf dem Gebiet des Wissensmanagements Dave Snowden das sogenannte Cynefin-Framework entwickelt. Im Jahr 2002 zum allgemeinen Strategie-Modell geworden, beschreibt es vier unterschiedliche Systeme bzw. Strukturen, in denen wir leben:

Der stetige Wandel begleitet uns. Zum Glück gibt es aber nach wie vor Strukturen, die uns in diesem Change zumindest ein Stück weit Sicherheit vermitteln – geordnete Strukturen, in denen es klare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge gibt. Wenn ich etwas in der Hand halte und die Hand öffne, dann fällt der Gegenstand zu Boden. Physik. Das Schöne ist: Wir können vorausschauend denken, weil wir wissen, auf A folgt B. Es reicht, für jedes Problem einmal eine richtige Lösung zu erarbeiten. Umso mehr braucht es allerdings Sorgfalt, um die beste Vorgehensweise herauszufinden. Einmal gefunden, lässt sich die Lösung beliebig oft reproduzieren. Wir bewegen uns in Systemen, in denen Best-Practice-Ansätze extrem hilfreich und valide sind.

Neben einfachen geordneten Strukturen, gibt es komplizierte geordnete Systeme.

Verliert ein Auto Öl, oder es ist zumindest ein dunkler Fleck darunter zu sehen, und wir bringen es in vier verschiedene Werkstätten, kann es sein, dass wir vier komplett unterschiedliche Rechnungen bekommen. Weil jede Werkstatt völlig andere Arbeiten verrichtet: Eine wird nur Öl auffüllen, die zweite nach der Dichtung gucken, die dritte wechselt das ganze System aus und die vierte merkt, dass der besagte Ölfleck gar nicht von diesem Auto stammt oder es eine ganz andere Flüssigkeit ist. Was heißt das nun für uns Menschen in der digitalen Welt? Bei diesen komplizierten Systemen habe ich zwar immer noch klare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, aufgrund der bestehenden Komplexität muss ich allerdings Experten heranziehen. Bestenfalls kommen alle zur gleichen Lösung, schlimmstenfalls haben wir am Ende abweichende Ergebnisse, es gibt aber immerhin mehrere Good-Practice-Ansätze.

In komplexen Systemen folgt zwar auf A logischerweise auch B, aber die Strukturen sind so verschachtelt und teilweise unbekannt, dass wir die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge nur in der Rückschau erklären können. Sie sind nicht vorhersagbar. Ein Beispiel dafür ist das Wetter, das uns gerade aufgrund der extremen Entwicklungen in der heutigen Zeit vor Rätsel stellt. Wann gibt es einen Tsunami, warum genau da und wo löst er sich wieder auf bzw. warum ausgerechnet dort? Natürlich lassen sich solche Vorgänge im Labor in kleinen Versuchsanordnungen nachstellen und wir können daraus lernen – was tatsächlich beim nächsten Mal in der Realität passiert, ist allerdings auch dann nicht vorhersehbar. Weil die Menge der Einflussfaktoren zu groß und zu unbekannt ist.

In chaotischen Systemen gibt es so unendlich viele Einflussfaktoren, die die weitere Entwicklung bestimmen, dass wir keinen Einfluss mehr darauf haben.

Es gibt eine Vielzahl an Ursachen und Kräften, die wirken – aber das Ergebnis kann keiner voraussagen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir in einem solchen System Best-Practice anwenden. Dann habe ich einen Plan, der auf etwas reagiert, was ich gar nicht abschätzen kann – und was schon im dritten Schritt fürchterlich falsch sein kann. Ohne das Bewusstsein, dass etwas falsch laufen könnte, schaue ich aber schlimmstenfalls nicht einmal darauf, um das, was passieren könnte, vielleicht tatsächlich noch händeln zu können. Letztendlich führt es dazu, dass wir uns in dieser Welt ganz anders bewegen müssen. Try and Error … Schritt für Schritt … und nach jedem kleinen Schritt müssen wir schauen, was passiert.

Zum Teufel mit der Digitalisierung

Bevor wir uns den sogenannten „neuen“ Strömungen Lean-Management, Scrum, Design Thinking oder Canvas hingeben, ist es viel wichtiger und vor allem notwendig, sich erst einmal zu fragen: Was ist meine Aufgabe? Welche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erwarten mich in den vorhandenen Strukturen? Mit welchen chaotischen Systemen, beispielsweise in Change-Prozessen, muss ich rechnen? Erst dann können wir entscheiden, welche Probleme wir mit Best-Practice lösen können und was wir notwendigerweise mit Try and Error angehen müssen. Das Toolset ist ebenso vielfältig wie unsere Welt – und in Richtung Zukunft geht es einzig und allein darum, den jeweils passenden Weg zu finden.

Analyse statt „blinde“ Agilität

Viele Startups haben es bereits erkannt: Agilität ist nicht die Antwort auf alles! Bilden die oben beschriebenen vier Systeme oder Strukturen die Basis, kommt jetzt der entscheidende Schritt: Zu überlegen, in welchem Feld befindet sich die Aufgabe, die ich gerade zu bewältigen habe. Häufig nehmen wir uns nicht die Zeit dazu und agieren dann mit unserem Autopiloten.

Sagt dieser „ich brauche Prozesse“, dann suchen wir immer in der Prozessebene nach einer Lösung für das Problem. Sind wir jemand, der eher auf der komplexen Ebene unterwegs ist, gehen wir Aufgaben und Probleme auch so an: „O. k., dann probiere ich mal und schaue einfach, was passiert …“ Die Herausforderung lautet also, herauszufinden, in welcher Struktur das aktuelle Problem zu Hause ist. Gibt es einen klaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang? Oder ist das System eher komplex? Befinden wir uns in einem disordered Raum, helfen diese Fragen, um zu entscheiden, was in der jeweiligen Situation das beste Mittel ist.

Für digitale Entrepreneure ist die Technologie der Ermöglicher.

Wir Menschen bleiben aber die Gestalter. Nutzen wir 2020 also, um die Diskussion zur Digitalisierung immer wieder zurück zum Menschen zu führen. Dann können wir gemeinsam weiterwachsen, uns technisch transformieren und bleiben trotzdem als Menschen immer in Verbindung!

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

About Dr. Marion Bourgeois

Dr. Marion Bourgeois – mit 27 promovierte Physikerin, mit 33 zweifache Mutter, mit 39 Witwe. Rückbesinnung auf die eigenen Stärken. Mit 43 Geschäftsleitung innerhalb eines DAX-Konzerns. Aufsichtsratsmitglied. Erneute Ausrichtung auf die persönlichen Werte. Mit 49 selbstständig. Als zertifizierter Business-Coach, Mediatorin und Moderatorin bringt sie mit Ihren Vorträgen und in praxisnahen Trainings Menschen in die Selbstverantwortung und Unternehmen zum Kulturwandel. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Thema „Frauen in der Führung“ mit dem Ziel, durch Exklusiv-Coachings „die Quote ohne Quote zu erhöhen“. Dr. Marion Bourgeois – Mensch. Glücklich. Ihr Motto: Leben selber gestalten, für Erfolge trainieren und Chancen sehen – denn: „Erfolg ist, wenn Wahrnehmung auf Bereitschaft trifft.“

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