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herCAREER katharina kreitz

Ich bin nicht leise und das würde ich auch von anderen Frauen erwarten

In technischen Berufen wie dem Maschinenbau sind Frauen mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Katharina Kreitz kann ein Lied davon singen:

Die Diplom-Ingenieurin und erfolgreiche Gründerin des Unternehmens Vectoflow spricht mit der herCAREER über Geschlechterklischees und warum Sie sich davon nicht aus dem Konzept bringen lässt.

Frau Kreitz, Sie haben Maschinenbau mit der Spezialisierung Luft- und Raumfahrt an der TU München studiert. Wie sind Sie zu der Studienrichtung gekommen?

Katharina Kreitz: Über einige Umwege. Ich war auf einem neusprachlichen Gymnasium, in dem man drei Fremdsprachen belegen muss. Meine Mutter war der Meinung, ich müsse wie sie sprachlich begabt sein. Das war keine gute Idee, denn ich hatte in Französisch eine Fünf und in Mathe und Physik eine Eins. Da komme ich eher nach meinem Vater.

In der zwölften Klasse habe ich spaßeshalber einen Test der TUM gemacht, der ergeben hat, dass ich besonders begabt in Mathe bin. Ich wurde ins Kloster Neustift eingeladen, zusammen mit super erfahrenen Experten – ich war die einzige, die noch zur Schule ging. Alles schien auf ein Mathe-Studium hinauszulaufen. Nach dem Abi habe ich mir dann einige Kurse an der Uni angeschaut. Ich fand das furchtbar langweilig und zu theoretisch. Da ging es nur darum, Beweise für irgendwelche Gleichungen zu finden. Auch in Physikkurse habe ich reingeschnuppert, das war nicht viel besser – und es wirkte nicht so, als könne ich da Freunde finden. Das war dann erst beim Maschinenbau anders, da war alles so schön miteinander kombiniert. Zudem hatte ich schon immer ein Faible für Luft- und Raumfahrt und der Institutsleiter an der TUM war auch noch Astronaut. Das hat mich überzeugt und ich bin mit der Wahl bis heute sehr glücklich. 

Auch anderen Mädchen wird oft versucht auszureden, MINT-Fächer zu studieren oder sich für Technik zu interessieren. Warum hat das bei Ihnen trotz neusprachlichem Gymnasium nicht geklappt?

Katharina Kreitz: Gott sei Dank war mein Vater noch da, der es gernhatte, dass ich selber mal was repariere, zum Beispiel an unserem Segelboot. Mein erstes Auto habe ich auch selbst repariert. Das hat mir geholfen, mein technisches Interesse zu entwickeln. 

Inwiefern finden Sie es denn wünschenswert, dass mehr Frauen naturwissenschaftliche Fächer studieren?

Katharina Kreitz: Wenn Frauen nicht so püppchenmäßig auftreten, haben sie viele Vorteile im technischen Bereich. Sowas wie auf der herCAREER, fast nur unter Frauen zu sein, das ist für mich total ungewöhnlich. Auf Messen bin ich sonst eher ein Paradiesvogel unter lauter Männern. Da falle ich auf und so bleibe ich den Kunden im Gedächtnis. 

Wenn Frauen keinen Druck haben, sich für etwas Bestimmtes zu interessieren, sondern einfach ganz natürlich sein können – das wäre schon ein wichtiger Schritt. Statistiken zeigen, dass Mädchen bis zur vierten Klasse oft besser in Mathe sind als Jungen. Das ändert sich erst danach, durch die Umwelt, weil uns alle einreden, dass Naturwissenschaften zu schwer für Mädchen sind und sie doch lieber auf Kindergarten machen sollen. Das ist Schmarrn! Wenn man einmal verstanden hat, wie Mathe funktioniert, muss man nicht mehr lernen. Das ist was für Faule. So sollte man das mal anpreisen. Mit einem technischen Studium hat man viele Karriereoptionen.

Sie waren bei BMW und Airbus und an Angeboten für eine Konzernkarriere hat es nicht gemangelt. Warum haben Sie sich entschieden zu gründen?

Katharina Kreitz: Mein Chef damals bei Airbus hat in 30 Jahren Betriebszugehörigkeit bei einem speziellen Raketenantrieb die Effizienz um 0,001 Prozent gesteigert. Das war sein Lebenswerk und er war stolz darauf. Das wäre nicht meins. Ich möchte schon richtig was bewegen. Wenn ich nun bei Freunden in der Automobilindustrie sehe, dass sie für die vierte Schraube unten links unterm Sitz verantwortlich sind – das würde ich nicht aushalten. Das wäre mir viel zu wenig Verantwortung und zu wenig bunt. Bei der Gründung kam noch dazu: Wir hatten eine gute Idee und ich hätte mir in den Arsch gebissen, wenn das dann jemand anderes gemacht hätte. Ich wollte einfach wissen, ob das etwas werden kann.

Sie haben die Firma Vectoflow gegründet, die Sonden aus dem 3D-Drucker herstellt. Was begeistert Sie daran?

Katharina Kreitz: Schon immer habe ich gern Sachen mit den Händen gemacht. Ich finde die Sonden schön, weil das etwas zum Anfassen ist. Unsere einfachste Sonde ist wie ein Strohhalm, ein zylindrisch geformtes, längliches Teil mit mehreren Löchern drin. Das kann immer komplexer werden bis es dann irgendwann aussieht wie eine Schaufel von einem Triebwerk oder eine Gabel. Für jede Sonde gibt es ungeahnt viele Anwendungen für verschiedenste Bewegungsobjekte – von Flugzeugen, Drohnen, Triebwerken und Gasturbinen bis hin zu Formel-1-Autos. Wir messen ein Fluid, das sich bewegt, in Luft, Wasser oder Gas. Jedes Mal müssen wir das Messinstrument perfekt auf die Anwendung abstimmen und das ist immer anders. Anhand der Messeinformationen aus der Sonde können wir die Objekte ergonomischer oder aerodynamischer machen, so dass sie weniger Treibstoff oder CO2 verbrauchen, schneller werden oder bequemer sind.  

Ihr erster Kunde war die Formel 1. Wie kam es dazu?

Katharina Kreitz: Meine Mitgründer und ich hatten schnell eine Website zusammengedröselt und darüber hat sich direkt die Formel 1 gemeldet. Zuerst dachten wir, Freunde hätten unsere Seite gehackt. Aber schon direkt beim ersten Treffen haben wir vor Ort den Vertrag unterschrieben, obwohl wir die gewünschte Sonde erst produzieren mussten. Da haben wir uns schon weit aus dem Fenster gelehnt. Doch es hat funktioniert: Sie sind bis heute unsere Kunden.

Heißt das, Gründer*innen sollten immer etwas hochstapeln?

Katharina Kreitz: Ja, ein bisschen schon. Wir haben der Formel 1 nicht gesagt, dass wir vorher nur Testkunden an Universitäten hatten und sie die ersten waren. Wenn sie das gewusst hätten, hätten sie sich nur Sorgen gemacht. Das gilt auch für die Verhandlung mit Geldgebern: Da kann man ruhig ein bisschen auf die Kacke hauen, nicht so stark auf die Probleme eingehen und was noch nicht funktioniert. Das interessiert die Investoren nicht, sie wollen nur wissen, wie man damit Geld machen kann. Vielleicht ist das manchmal ein bisschen Harakiri, aber man braucht schon Selbstbewusstsein und die Überzeugung, dass die eigene Idee klappen kann. 

Aber ein gewisses Risiko bleibt…

Katharina Kreitz: Stimmt, und Glück gehört auch dazu. Doch ich empfehle allen, direkt nach dem Studium zu gründen. Wenn die ersten Versuche dann nicht laufen, kann man immer noch in den Konzern gehen – das ist kein Beinbruch. Wenn man ein halbwegs gutes Studium hat, dann ist das mit der Erfahrung als Gründerin ein paar Jahre später nicht weniger wert. Aber mit der Zeit wird es immer schwieriger, wenn man schon eine große Wohnung hat, vielleicht schwanger werden will oder einfach gewisse Ansprüche hat. 

Inwiefern haben Sie erlebt, dass die Erwartungen an Frauen im technischen Bereich andere sind als an Männer? 

Katharina Kreitz: Als Frau muss ich viel mehr leisten als Männer, das ist tatsächlich Standard. Da der Maschinenbau so männerdominiert ist, gehen alle immer erstmal davon aus, dass man als Frau nichts draufhat. Wenn wir Anfragen aus Indien oder Fernost bekommen, schreiben sie mir immer „Dear sir…“. Ich wurde auch schon gefragt, „Frau Kreitz, kommen Sie allein oder bringen Sie einen Experten mit?“ Oder einmal kam die Frage: „Finde ich ein Foto von Ihnen auf der Webseite? Da ist doch meist nur das Management abgebildet“. Deshalb habe ich meinen Ingenieurstitel in meiner Signatur drin, auch wenn das sonst nicht üblich ist. Sonst denken alle, das ist so eine Vertriebstrulla. Bis im Ingenieur-Umfeld durchgedrungen ist, dass Frauen auch Technik können, dauert es wohl noch ein bisschen. 

Aber prinzipiell macht es mir Spaß mit Männern zu arbeiten. Das ist super relaxt und angenehm. Ich finde die Arbeit mit Männern keinesfalls negativ. 

Versuchen Sie vor diesem Hintergrund aber vielleicht, eher männlich aufzutreten?

Katharina Kreitz: Nein, da muss ich mich nicht verstellen. Gott sei Dank bin ich eine sehr extrovertierte Person und nicht auf den Mund gefallen. Als ich während meiner Zeit im Konzern in Meetings einmal erzählt habe, dass irgendwas gut gelaufen ist und wie ich das gemacht habe, da kam ein Kollege zu mir und sagte: „Warum bist Du denn jetzt so kompetitiv?“ Die sind es gewohnt, dass Frauen die Füße stillhalten und warten, bis jemand ihre Leistung sieht. Das passiert aber nicht. Da kommt eher ein Mann und nimmt das Erreichte für sich in Anspruch. Ich bin einfach nicht so leise und das würde ich auch von anderen Frauen erwarten.   

Auch deshalb sind Sie für viele ein Role Model. Wie fühlt sich das an, für andere ein Vorbild zu sein?

Katharina Kreitz: Daran musste ich mich echt gewöhnen. Das erste Mal als das Handelsblatt oder die Süddeutsche Zeitung etwas über mich gebracht hatte, dachte ich: „Im Ernst? Ich, ein Role Model?“ Da saß ich mit einem Kater vom Abend davor bei der Arbeit. Als ich die ersten Vorträge gehalten habe und Frauen mir hinterher erzählt haben, dass ihnen das so geholfen hat, fühlte sich das merkwürdig an. Mir war gar nicht klar, dass ich andere Frauen so positiv beeinflussen kann. Ich halte mich nicht für außergewöhnlich und sehe mich nicht als Vorbild, aber wenn meine Art, die Dinge zu sehen, andren hilft, freue ich mich inzwischen darüber. Ich gehe auch manchmal an Schulen, um Mädchen für Technik zu begeistern. 

Viele Frauen kämpfen im Job mit Selbstzweifeln. Kennen Sie das gar nicht?

Katharina Kreitz: Nach außen definitiv nicht, das ist einfach als Gründerin das falsche Auftreten. Natürlich frage ich mich manchmal, ob etwas so richtig ist – das tun Männer übrigens auch. Dennoch versuche ich mich und andere dadurch nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Wir verbringen alle einen großen Teil des Tages bei der Arbeit und da möchten wir doch auch eine schöne Zeit haben. Deshalb bringe ich lieber mal ein bisschen Humor rein. Auch die Ingenieure haben lieber ein Meeting, das nicht ganz so steif ist. 

Die Leute kaufen unsere Produkte auch, weil sie uns sympathisch finden. Ende Februar hatte ich einen schweren Unfall: Ich bin beim Skifahren frontal gegen einen Baum gefahren. Ich war im Koma, mit verschiedenen Knochenbrüchen und weiteren schweren Verletzungen. In der Zeit habe ich so viele freundliche Nachrichten von Kunden bekommen. Wir haben eine Art freundschaftliches Verhältnis. Das erreicht man nur mit Fairness und Humor – wir versuchen unser Business ein bisschen menschlicher zu machen.

Inwiefern hat dieser Unfall Ihre Sicht auf die Arbeit und Ihre Karriere verändert?

Ich werde in Österreich nur noch „das Wunder“ genannt, weil ich den Unfall überlebt habe. Zum Glück habe ich keine bleibenden Schäden, auch wenn alles erst am abschwellen ist. Ich arbeite noch gar nicht so lang wieder. Das läuft langsam an, weil ich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma hatte. Aber die Erkenntnis, dass ich ein bisschen weniger arbeiten sollte, die war schon vor dem Unfall da. 

Das Unternehmen wächst: Vielleicht werden wir eine Niederlassung in den USA aufmachen und ein paar Produkte dazu kriegen. Inzwischen hat Vectoflow 15 Mitarbeiter plus Studenten – übrigens darunter auch drei Frauen, eine Maschinenbauerin und eine Teamassistentin. Wir haben praktisch keine Hierarchien und wenn jemand etwas besser weiß als ich, dann gebe ich da gerne die Verantwortung ab.

Interview: Stefanie Hornung

Auf der herCAREER spricht Katharina Kreitz in der Keynote „Frauen in Tech – ein Systemfehler? Wie ich mit unbewussten Vorurteilen und Hindernissen umgehe“ am Freitag, 11. Oktober, um 14:45 Uhr über ihre Erfahrungen als Diplom-Ingenieurin und Gründerin. Am Abend des ersten Messetages, am 10. Oktober 2019, kommt sie zur herCAREER@Night, wo sich Besucher*innen mit ihr persönlich austauschen können. 

Bild: Katharina Kreitz Foto: herCAREER Franz Pfluegl

Quelle Jane Uhlig PR

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