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Donnerstag, Mai 19, 2022

Old Maid lässt grüßen: Konstellationen, Spielregeln und Verhalten im Business

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Old Maid – warum das alte Spiel auch im Business seinen Stellenwert hat

Ursprünglich ist es ein viktorianisches Kartenspiel für zwei oder mehr Spieler, das wahrscheinlich von einem alten Glücksspiel abstammt: Old Maid. Wer verliert, zahlt für die gesamte Runde die Getränke. In Deutschland ist es eher als „Schwarzer Peter“ bekannt. Dass es auch im Businesskontext ganz ähnliche Konstellationen, Spielregeln und Verhaltensweisen gibt, davon kann sich Hannes überzeugen. Der 49-jährige studierte Betriebswirt ist Produktionsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung eines internationalen Industriekonzerns. Er gewährt einen Einblick, was auf der Management-Etage so gedacht und getan wird – erst recht, wenn es schön reihum geht, wer für eine miesere Lage eigentlich die Verantwortung trägt. Übrigens: Ein Schmunzeln aufgrund dieser Business-Satire ist durchaus erlaubt…

Der Chef hat zur Sitzung geladen. Es sei eine außerordentliche, flüstert man sich zu und vertritt sich auf dem Büroflur länger als notwendig die Füße. Ja, das ist so eine Sache mit der internen Kommunikation. Im Leitsatz steht „wir kommunizieren zeitnah, offen, transparent, konstruktiv“. In der Umsetzung bedeutet zeitnah so etwas wie in diesem Leben, offen und transparent heißt, dass man nicht versteckt, dass man etwas zu verstecken hat und konstruktiv meint in Wirklichkeit, dass nichts, was Chefsache ist, sonst jemanden etwas angeht.

Allerdings gibt der persönliche Algorithmus im Kopf von Hannes zu bedenken, dass solche Vorzeichen in der Regel keine besonders frohe Botschaft erhoffen lassen, die der Chef im Geschäftsleitungsgremium zu verkünden hat. Hannes, als Leiter der Produktion, macht sich auf den Weg ins frisch renovierte Sitzungszimmer. Auch wenn dringende Investitionen im Bereich Digitalisierung der Produktionsanlagen aus finanziellen Gründen verschoben wurden: Beim Sitzungszimmer des Chefs wird gezeigt, dass Geldengpässe nur vorübergehend sein können. 

Man glaubt an die großen BigPoints und hat das Refugium entsprechend ausstaffiert. Nappa-Lederstühle, Holz-Sitzungstisch aus Vahona-Maser mit hochglanzlackiertem Furnierblatt eines besonderen Padouk-Stammes. Die Form nicht einfach angelehnt an die ovale IKEA-Tischplatte „Olivia“, sondern ein stilisiertes Firmenlogo. Teppich aus Kirman-Fasern, Smartboard der aktuellen Generation – zwar kann es niemand bedienen, aber es beschreibt den unerschütterlichen Glauben an die Zukunft. 

Was kommt nach der Denk- und Schockpause?

Die Sitzung startet. Aufgrund des leicht finsteren Gesichtsausdrucks des Chefs und des eintreffenden Controllers wird schnell klar: Heute werden keine Geschenke verteilt. Der Chef kommt direkt auf den Punkt, beamt mit Hilfe des herbei geeilten IT-Supporters die aktuellen Power-Point-Slides über den Geschäftsgang auf den 80-Zoll-Bildschirm. Die Kurven kennen alle nur eine Richtung: abwärts. Cashflow, Ertrag, Umsatz, EBIT. „Immerhin ziemlich parallel sieht’s aus!“, denkt sich Hannes.

Nach der berühmten Denk- und Schockpause geht es in die Diskussion oder vielleicht eher zu den Stellungsnahmen. Jeder wird aufgerufen, seine Meinung zu Ursache und Maßnahmen mündlich klar zu offenbaren. Das Statement der Verkaufsleitung lautet: „Wir haben extrem Mühe, die Produkte zu verkaufen, solange wir nichts Aktuelles in der Palette haben. In diesem Punkt muss die Produktion zwingend nachliefern.“ Hannes, als der Direktangesprochene meint: „Stopp, wir sind ständig am Forschen, aber der Verkauf schafft es nicht, hier wirklich neue Kunden zu akquirieren. So bleiben wir natürlich stehen. Abgesehen davon: solange die Finanzabteilung die Forschungsgelder streicht, können wir nicht nachlegen.“

Jede Firma hat die Mitarbeitenden, die sie verdient 

Da platzt der Finanzchef in die Runde: „Wir können kein Geld ausgeben, das wir nicht haben. Solange das Marketing die Hausaufgaben nicht macht und endlich ein Image aufbaut, das uns auch potente Geldgeber sichert, können wir von einer guten Zukunft nur träumen.“ Nun muss die Marketingchefin reagieren: „Wo kein Geld für das Marketing bereitsteht, da können wir nichts tun. Hätten wir die richtigen Leute, die auch mit kleinerem Budget kreativ sein können, würde es anders aussehen. Aber da hat ganz offensichtlich die HR-Abteilung die Hausaufgaben nicht gemacht, nämlich jüngere, ideenkompetentere Leute an Bord zu holen.“

Die Personalleiterin hat nur darauf gewartet, bis dieser ständig identische Vorwurf wieder aufflammt und meint lakonisch: „Jede Firma hat die Mitarbeitenden, die sie verdient. Punkt.“ Genau das bringt jetzt den Chef auf die Palme. „Seine“ Firma verdient nur die besten Mitarbeitenden, die besten Kunden, die besten Produkte, den besten Markt. Nach einem längeren Hin und Her mit diesem Old-Maid-Spiel einigt sich das Gremium einstimmig auf folgende Diagnose: „Der Markt ist schuld!“ Zu den Markteinflüssen gehören Klimawandel, Kaufkraft, epidemiologische Lage, Kundenströme und anderes mehr. Mit anderen Worten: WIR können alle nichts dafür. Als Rezeptur wird ein schrittweises Vorgehen festgelegt: Man holt eine Beratungsfirma, die über einen längeren Zeitraum hinweg das Unternehmen durchleuchtet. 

Daran ist doch nur einer schuld: der Markt 

Einige Wochen später treffen diese Beratungsfirma und die gleichen Mitglieder der Geschäftsleitung wieder zusammen. Es präsentieren zwei Frauen und zwei Männer, allesamt in feines, gedeckt-anthrazitfarbenes Tuch gewandet, eine spektakuläre PowerPoint-Präsentation mit modernsten Animationen. Auf Folie 148 ist das Resultat der Untersuchung sichtbar. Alle relevanten Linien wie Cashflow, Ertrag, Umsatz, EBIT zeigen nach unten. 

Nun gut, eigentlich wusste man das schon, aber auf so schönen Folien hat man das noch nie gesehen und koloriert sieht es irgendwie gar nicht mehr so schlimm aus. Da braucht’s wohl keine Sofortmaßnahmen – außer vielleicht die Bezahlung der sechsstelligen Rechnung für das Beratungsunternehmen.

Autor:

Als Kommunikationsberater begleitet Stefan Häseli zahlreiche Unternehmen bis in die höchsten Vorstände von multinationalen Konzernen und doziert an Universitäten und Fachhochschulen im Themenfeld Kommunikation. Er regt als internationaler Speaker dazu an, wirkungsvolle Kommunikation im Alltag mit Spaß zu erleben.

Der Schweizer Business-Kabarettist Stefan Häseli ist ausgebildeter Schauspieler, gefragter Entertainer und Comedian mit jahrelanger Bühnenerfahrung, der sämtliche Programme selbst schreibt. Dazu kommen regelmäßige Engagements in Kino-Produktionen, TV-Serien, Werbespots und Schulungsfilmen. Er gehört zu den Business Comedians der ersten Stunde, begeistert sein Publikum mit feinsinnigem Humor.

In seinen Vorträgen und Seminaren vermittelt er Wissen kurzweilig und gespickt mit Beispielen aus der Praxis sowie amüsanten Anekdoten – stets mit einem liebevollen Augenzwinkern analysiert er aktuelle Ereignisse regelmäßig als kommunikativer Beobachter.

Stefan Häseli schreibt Bücher, Fachartikel und Kolumnen. Sein neuestes Buch „Glaubwürdig – Von Schauspielern fürs Leben lernen“ (Verlag Business Village) beleuchtet anhand erfrischender Denkansätze, wie wir unsere Selbstwirksamkeit kritisch hinterfragen, glaubwürdig und authentisch rüberkommen und unsere Rollen und den Umgang mit Erwartungen besser gestalten können. 

Quelle Titania Kommunikation

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