„Wir müssen aufhören, Krankheit zu managen, und anfangen, Gesundheit zu designen.“
Altern ist unvermeidlich. Aber wie wir altern – ob als stetiger Verfall oder als Reifungsprozess voller Energie – liegt in unserer Hand. Dank Epigenetik, Biohacking und Longevity stehen wir am Beginn einer Revolution. Wir sprachen mit dem Wissenschaftler und Unternehmer Dr. Josef Scheiber über das Ende des Alterns, den Rhythmus des Lebens und warum die Medizin der Zukunft im eigenen zuhause statt im Krankenhaus stattfindet.
Herr Dr. Scheiber, oft ist von einem Paradigmenwechsel bei Gesundheit die Rede. Was steckt dahinter?
Dr. Josef Scheiber: Das klassische Präventionsmodell ist gescheitert, weil es den Körper wie eine Maschine betrachtet. Unsere Medizin repariert nur, was bereits defekt ist. Wir verlängern zwar das Leben, aber nicht die Lebensqualität. Gesundheit wird anhand eines Durchschnitts definiert – „normal“ heißt oft nur: „noch nicht krank genug für Medikamente“.
Was wir stattdessen brauchen, ist eine „Proaktive Präzisionsgesundheit“. Der Körper ist kein mechanisches Objekt, sondern ein biologisches System, das sich selbst reparieren kann. Altern ist kein Verschleiß, sondern Informationsverlust – vergleichbar mit dem Rauschen einer zerkratzten CD. Echte Prävention bedeutet, das Signal wieder klarzumachen. Wir warten nicht auf den Verfall, sondern programmieren aktiv dagegen. Wir wechseln von „reaktiver Medizin“ zu „proaktiver Gesundheit“.
Sie sprechen von einem Loop. Warum ist das Schwingen zwischen Aktivierung und Regeneration so wichtig? Reicht es nicht, gesund zu leben?
Dr. Josef Scheiber: Balance wird oft mit Stillstand verwechselt. Lebende Systeme müssen schwingen. Unsere moderne Lebensweise schafft eine „komfortable Stagnation“. Biologisch fatal, denn unsere Gene erwarten Reize.
Das Prinzip der Hormesis besagt: ein kurzer, akuter Stressreiz aktiviert Reparaturprogramme. Das Konzept des Loops formalisiert diesen Rhythmus. Zwei klare Phasen sind entscheidend: die Aktivierungsphase mit Energieverbrauch und Reizen, die die Reparaturprogramme anstößt, und die Regenerationsphase, in der DNA repariert und Zellen aufgebaut werden.
Viele Menschen leben in einer gefährlichen Grauzone: weder richtig aktiv noch richtig in Ruhe. Langlebigkeit entsteht nicht in der Mitte, sondern in der dynamischen Schwingung zwischen den Extremen.
Ein faszinierender Ansatz ist „Sense-Omics“. Wie können Sinne wie Licht oder Geruch Gene beeinflussen? Das klingt für Laien fast ein bisschen esoterisch.
Dr. Josef Scheiber: Sense-Omics ist harte Biophysik. Geist und Körper sind biologisch nicht getrennt. Jeder Sinnesreiz wird übersetzt. Licht wirkt als molekularer Befehl, Gerüche aktivieren das Immunsystem, Kälte steigert den Energieverbrauch. Unser Körper reagiert permanent auf die Umwelt. Wer Langlebigkeit erreichen will, muss diese Signale bewusst steuern – jeder Reiz wird zum epigenetischen Impuls.
Wenn wir biologisch jünger bleiben, wozu nutzen wir die zusätzliche Zeit? Braucht die neue Biologie eine neue Psychologie?
Dr. Josef Scheiber: Ein biologisches System ohne Sinn schaltet sich ab. Wenn ein Organismus keine Aufgabe mehr hat, wird er abgebaut. Moderne Prävention schenkt gesunde Jahre, doch wir brauchen ein neues Lebensmodell. Der Homo Regenerativus versteht sich als Prozess, entwickelt sich weiter und bleibt aktiv.
Studien zeigen, dass eine positive Haltung zum Altern die Lebensdauer verlängert. Sinnhaftigkeit wirkt wie ein starker epigenetischer Schalter. Es geht nicht darum, dem Tod davonzulaufen, sondern das Leben möglichst lange lebendig und sinnvoll zu gestalten.
Die Zukunft der Medizin liegt im Pro statt im Anti
Das muss auch die Medizin endlich einsehen. Statt auf „Anti“ zu setzen, geht es künftig um das „Pro“: Pro-Regeneration, Pro-Vitalität. Wer seinen Körper als intelligentes System versteht, verändert nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch sein Umfeld. So entsteht eine neue Form von Energie, die weit über den Einzelnen hinaus wirkt.
Herr Dr. Scheiber, vielen Dank für das erkenntnisreiche Gespräch.
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